Monzabonsee - Schichten der Zeit
30 - Apr - 2013

Geheimnisvolles Lech

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Rund 350 Kilometer beschriftete Wanderwege hat Lech Zürs am Arlberg zu bieten und viele geheimnisvolle Plätze. Auf Schusters Rappen kann man sie erkunden – eintauchen etwa in die Geschichte der Alpen und reisen ans Meer.

Die Reise ans Meer...

...beginnt links der alten Kirche von Lech. Steinskulpturen ragen aus der saftig grünen Wiese, von Menschenhand drapiert. Jede für sich aber ein Wunderwerk der Natur: mächtige Blöcke, einzigartig, perfekt. Ihre Oberfläche teils spiegelglatt, teils rau. Rote und weiße Einlagerungen in grauem Stein, rostfarbene in rötlichem Stein. Kringel, Herzchen, Schleifen, Punkte. Die Hände streichen über kühle, blanke, rutschige Oberflächen, erkunden grobe, schroffe, zerklüftete. Sie ertasten Vergangenheit, Geschichte. Diese Steine, sie sind Zeugen einer Zeit lange vor unserer. Sie sind Zeugen der Geburt der Alpen, diese Giganten, entstanden aus tektonischen Verschiebungen, gefaltet durch Verwerfungen, modelliert von Eis und Wasser.

Wer offenen Auges durch Lech und Zürs marschiert...

Zuger Wasserfall

...am Talboden entlang, auf den Berghängen und in luftigen Höhen, der kann sie entdecken, die Schätze und geheimnisvollen Plätze dieser einzigartigen Wanderregion, die noch viel mehr zu bieten hat als frische Luft, saftige Wiesen, idyllische Almen und imposante Gipfel. Wer offenen Auges durch die alpine Berglandschaft rund um Lech Zürs am Arlberg streift, der atmet Geschichte, sie ist Millionen Jahre schwer, sie ist Hunderte Jahre alt – ist in Stein gegossen, in den Flusslauf geschrieben; sie ist in Holz gebaut, sie liegt am Wegesrand. Sie ist frisch und lebendig.

Die Steinblöcke neben der Kirche von Lech geben erste Hinweise auf das Meer, von dem noch die Rede sein wird. „Dieser Stein besteht aus Oberrätkalk und ist vor ca. 205 Mio. Jahren aus Kalksedimenten gebildet worden. Die weißen Einschlüsse sind Megalodonten (Kuhtrittmuscheln)“, steht bei einem zu lesen. Kuhtrittmuscheln. Tatsächlich, die Einlagerungen sehen aus wie die Konturen einer Kuhklaue. Gleich daneben ebenfalls ein Oberrätkalk. Die Hohlräume der Muscheln sind mit Kalzit und Rotkalk gefüllt. „Diese Steine“, sagt Toni Grissemann, „sind mit einer unglaublichen Energie behaftet. Das spürt man, wenn man mit der Hand drüberfährt.“ Die Hand gleitet erneut über die Oberfläche, langsam, aufmerksam. Er hat recht.

Augentrost

Augentrost

Er sei ein bisschen ein Prediger, schmunzelt der Wanderführer: Einerseits gäbe es in der Region spektakuläre Zeugnisse erdgeschichtlicher Entwicklungen zum Anfassen, gäbe es Siedlungsgeschichte hautnah zu erleben, andererseits gelte es, darüber die kleinen, die bescheiden am Wegesrand liegenden Dinge nicht zu übersehen. Grissemann bückt sich abrupt und zupft eine kleine, unscheinbare Blume ab. Die hauchzarten Blütenblätter sind von violetten Äderchen durchzogen, an den unteren klebt ein leuchtend gelber Fleck. „Der Augentrost ist das schönste Blümchen, das es gibt“, schwärmt er und dreht das Pflänzchen vorsichtig zwischen den Fingern. Und es ist ein robustes. Der Gemeine Augentrost bevorzugt Magerwiesen und Weiderasen, und er ist noch in Regionen zu finden, in die sich andere Alpenblumen nicht mehr vorwagen. Ein echter Überlebenskünstler eben. Seinen Namen verdankt der Lippenblütler der Tatsache, dass er, seit Alters her, in der Volksmedizin zur Behandlung diverser Augenleiden herangezogen wurde – und heute noch wird.

Auch am Rüfikopf hält er sich wacker.

Rüfi Berg - Geheimnisvolles Lech

Bei der Fahrt mit der Seilbahn hinauf auf den prägnanten Berg, eröffnet sich einem nicht nur ein atemberaubender Blick auf Lech und seine Umgebung. Die kantigen Felsformationen, die am Fahrenden vorbeiziehen, erzählen eine Geschichte. Sie erzählen die Geschichte vom Entstehen der Alpen und vom Verschwinden eines Meeres. Denn wo sich heute mächtige Gebirgszüge bis zum Horizont erstrecken, wogte dereinst ein tiefblaues Meer, tummelten sich Muscheln und andere urzeitliche Wasserbewohner. Vor Millionen von Jahren hoben sich die Gründe dieses riesigen Gewässers zu Gebirgszügen. Nun schwebt man an den verschiedenen Gesteinschichten, die sich durch Verschiebungen und Verwerfungen aufgetürmt haben: Auf die vorwiegend aus Gips gebildeten, sogenannten Raibler-Schichten folgt der Hauptdolomit. Oben angekommen, steht der Besucher auf Plattenkalk. Wenn der Wanderer sich von der Bergstation Rüfikopf aus auf den Geoweg begibt, taucht er tief in die Erdgeschichte ein. An den „Steinernen Zeugen“ vorbeispazierend absolviert er eine faszinierende Zeitreise, eine Zeitreise durch Jahrmillionen, entdeckt Muscheln, Seeigel, Korallen und unzählige Gesteinsarten – und das alles in nur zweieinhalb bis drei Stunden.

Lagune

Steinbrech

Am Fuße der Aussichtsplattform am Rüfikopf klammert sich ein Steinbrech an die Mauer, trotzig reckt er seine Blüten in die Luft. Der kräftige grüngelbe Klecks springt einen an, gerade so, als wüsste er, dass gleich alle Gedanken an diesen widerstandsfähigen Haudegen unter den Alpenpflanzen dahin sein werden. Das Panorama am Rüfikopf schwemmt alles hinweg. Es flutet die Netzhaut, es flutet das Hirn. Keine Grenzen hier, endlose Weite, der Himmel keinen Steinwurf entfernt. Gebirgszug um Gebirgszug, Gipfel um Gipfel ragen in die Höhe. Der überwältigende Rundblick aber brennt sich ein. Rechter Hand ist Bürstegg zu sehen, die erste Walsersiedlung hier heroben, die Almen auf Tannegg, urige Walserheimaten. Auch die Gipslöcher schräg gegenüber lassen sich leicht ausmachen, die Oberen liegen links der Kriegeralpe, die Mittleren zwischen Kriegeralpe und Hasensprunglift und die Unteren Gipslöcher zwischen Petersbodenlift und Grubenalpe. Diese Auftürmungen und Trichter sind ein einmaliges Naturphänomen, ein Wunder zum Anfassen.

Die Gipslöcher sind Überbleibsel einer Lagune.

Gipsloecher

Vor 220 Millionen Jahren, da lag das Gebiet von Oberlech noch in der Nähe des Äquators und der Küstenbereich bestand aus Lagunen, die immer wieder überflutet wurden. Das zurückgebliebene Meerwasser verdunstete unter dem unnachgiebigen Auge der Sonne, übrig blieben Gipsbildungen. Beim Zusammenstoß der tektonischen Platte, auf der die Region ruhte, mit der europäischen wurden die Lagunensedimente in die Höhe geschoben. Und da sind sie nun, diese eigenartigen Geländekuppen und Krater, die etwas ganz Besonderes sind in ganz Europa, um nicht zu sagen etwas Einzigartiges. Mit über 1000 Dolinen sind die Gipslöcher von Lech mit nichts zu vergleichen. Wer sie auf dem Lehrpfad durchwandert, wird den Blick ab und zu von diesem Schauspiel der Natur lösen und erkennen: Es ist nicht das Einzige, was dem Betrachter fasziniertes Staunen und spontane Laute der Begeisterung entlockt.

Die Gipslöcher ziehen nämlich auch zahlreiche Alpenbewohner an.

Buramenta

So finden zum Beispiel Murmeltiere diese mehr als heimelig und richten sich gerne häuslich ein. Wer also innehält, hat gute Chancen, das eine oder andere dieser gewichtigen Erdhörnchen nicht nur hektisch pfeifen zu hören, sondern auch beim Umherstreifen zu beobachten. Direkt am Wegesrand recken sich zudem Orchideen in die Sonne, vom blutroten Kohlröschen (Brunelle) bis zum Wohlriechenden Händelwurz, vom Gefleckten Knabenkraut bis zur Zweiblättrigen Waldhyazinthe. Rund 20 unterschiedliche Arten sind in Lech zu finden. Die Hälfte davon sammelt sich an den Gipslöchern, gerade so, als wüssten die Königinnen unter den Blumen, dass hier viele Naturliebhaber entlangspazieren, und damit viele Blicke auf ihre betörende Eleganz und Schönheit fallen. Eine Orchidee, die blüht nicht für sich allein.

Steinbock

Steinboecke Rote Wand

Das Aufgebot der Fauna ist in Lech nicht minder beeindruckend. Im Scheinwerferlicht stehen hier ohne Zweifel die Steinböcke. Auf eine ganze Kolonie kann Toni Grissemann verweisen: Über 600 Stück sollen sich in dieser Gegend tummeln, die größte Kolonie in ganz Europa. Die geglückte Wiederansiedelung dieses majestätischen Bergbewohners wurde ganz hinten im Zugertal in Bronze gegossen. Wenige Gehminuten von der Alpe Formarin entfernt steht das „Steinbock-Denkmal“ auf einem Felsbrocken, umrahmt von sattviolettem Eisenhut, an einer überaus symbolträchtigen Stelle. Hier beginnt der Lechweg, jener Weitwanderweg, der von den Ursprüngen dieses spektakulären Wildflusses bis zum Lechfall in Füssen führt. Von hier geht aber auch ein Weg bergan zum Formaletsch und zum „Steinernen Meer“. Was an der alten Kirche in Lech im Kleinen von Menschenhand angeordnet ist, das zeigt sich dort in all seiner natürlichen Größe und Pracht. Ein riesiges, versteinertes Meer, eine gigantische Ansammlung von Fossilien breitet sich aus: Belemniten (Donnerkeil), Nautiliden (Tintenfische), Ammoniten (Kopffüßler) und natürlich Megalodonten, mit Einschlüssen in der Form eines Kuhtritt oder eines „Steinbockhorns“. Tatsächlich, sie sehen aus wie die Steinbockhörner. Die Hand gleitet über Oberflächen, behutsam, aufmerksam. Das Auge wandert zum Horizont. Die Reise ans Meer, sie ist zu Ende.

Themenwanderungen Geologie

Steinernes Meer Rote Wand

Naturschutzgebiet Gipslöcher in Oberlech“:
Faszinierende Dolinen und Orchideenparadies; Gehzeit bis 2 Stunden; auch als Schlechtwetterwanderung geeignet

Geoweg Rüfikopf“:
Entdecken Sie Geheimnisse einer Welt, die andere Zeitdimensionen erschließt; 3,4 km, leichte Tour, Gehzeit ca. 1,5 Stunden

Steinernes Meer rund um den Formaletsch“:
Eine Zeitreise durch die Erdgeschichte; Gehzeit bis 3,5 Stunden; maximale Steigung am Stück ca. 350 Höhenmeter

Themenwanderung Geschichte

Edelweiss

Auf den Spuren der Walser“:
Die bergbäuerliche Geschichte von Lech; Gehzeit bis 3 Stunden;
Wanderung am Tannberg in drei Etappen zu ca. 3 bis 5 Stunden

Themenwanderung Quellwasser

Wilder Fluss

Ursprung des Lecher Quellwassers“:
Einzigartige Bergwasserquellen im Zugertal; Gehzeit ca. 0,5 Stunden

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